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Auf der Suche nach der Heimat meiner Großmutter
Der Himmel mit seinen Schäfchenwolken scheint grenzenlos, das saftige Grün unendlich. Die Kirchen und Klöster nicht zählbar. Und die strahlende Sonne
taucht die alten deutschen Häuser in ein vertrautes Licht. Ich bin in Polen angekommen, im einstigen Niederschlesien, fern meiner Heimat, aber doch irgendwie nah – auf der Reise zu meinen eigenen Wurzeln.
Vor fast 60 Jahren lud meine Großmutter den Handwagen voll mit dem kleinen Hab und Gut und schnappte ihre vier Töchter im Alter zwischen 11 und 16 Jahren. Die
damals 11jährige ist meine Mutter. Sie mussten zu fünft aus ihrer niederschlesischen Heimat fliehen. Vertreibung! Es wurde ein Abschied für immer.
Nur selten hat sie über früher gesprochen. „Wo ist mein Opa?“, hatte ich sie gefragt und dann plötzlich im Familienalbum ein Foto von Opas Grab
entdeckt. „Der schreckliche Krieg, Kind“, hatte sie traurig gesagt und mir über meine Zöpfe gestrichen. Kaum ein Wort verloren hatte sie über ihr kleines Häuschen in Fraustadt. Fraustadt – das heute auf polnisch
„Wschowa“ heißt.
Ich laufe durch Wschowas Straßen und kann meine Tränen nicht aufhalten. Hier ist also meine Großmutter mit ihren vier Mädels spazieren gegangen. Hier haben sie
ihre dürftigen Nahrungsmittel erstanden. Kartoffeln und Kohlen eingelagert, für die schlesischen kalten Winter. An einem alten Haus kann ich schemenhaft lesen “Kohlen- und Holzhandel“. Diese drei deutschen Worte
konnten auch 60 lange Jahre nicht auslöschen.
An jeder Straßenecke stehen Polinnen, und bieten Körbe weise Pilze und Blaubeeren an. Davon hatte meine Oma mal geredet. Waldpilze und Blaubeerensammeln hatten
ihnen geholfen, den Hunger zu überwinden. Es war eine karge Zeit in Fraustadt. Aber es war Heimat. Ihre Erinnerung an ein Leben im Schlesischen - war sie ausgelöscht? Oder gab es die quälende Sehnsucht nach der
Heimatstadt, an das friedliche Leben vor der Vertreibung und an das furchtbare Leid im Krieg? Ich weiß es nicht und werde es nie mehr erfahren. Meine Oma nahm ihre Erinnerungen mit ins Grab.
In Wschowa parke ich vor einem grandiosen Rathaus. Das hat der Pole toll gestaltet, denke ich noch, während mir gegenüber eine gepflegte Grünanlage mit einem
Schwanenteich auffällt. Wschowa ist eine sympathische Stadt. Meine Großmutter würde sich sehr freuen, sie so wiederzusehen. Da sehe ich „Kripplein Christi“, eine heilige Stätte, wie es unzählige in Niederschlesien
gibt. Und das Mutterhaus der Oberin, davon hatte mir meine Mutter erzählt. In Wschowa haben fast alle Gebäude eine neue Fassade erhalten. Es ist ein Glücksgefühl, durch die Straßen zu wandeln und an Großmutter zu
denken. Hier hatte sie als Kind ihre Lieblingsspielplätze, und später spielten ihre Mädels dort.
In der Katholischen Kirche betete sie mit ihren Eltern und neun Geschwistern, gab dann den Glauben an ihre eigenen Kinder weiter. Das ehrbare Männerkloster des
Heiligen Franziskus in der einstigen Nonnenstraße habe ich sofort entdeckt. Ein fabelhafter Bau mit kunstvollen Ikonen. In der prunkvollen Klosterkirche findet eine Messe statt. Die Polen singen Choräle, und mir
wird so warm um Herz. Wieder kann ich meine Rührung nicht verbergen. Ich schmiege mich in die Arme meines Mannes und denke: Welch eine Freude, hier zu sein. Viele Menschen, die in ihrer einstigen Heimat mit
klopfendem Herzen auf Spurensuche gehen, finden nichts Vertrautes vor. Manche Gegenden wurden zerstört und dann abgetragen, weil man früher ein Stück deutsches Leben auslöschen wollte, dass soviel Leid über die Welt
gebracht hatte.
Trotzdem begeben sich viele Leute auch nach 60 Jahren noch
auf Heimatsuche. Die Hoffnung ist immens, noch etwas von der Ahnentafel zu entdecken. Einige finden ihre Familiengräber im Lapidarium, andere stehen voller
Ehrfurcht vor den guterhaltenen Gotteshäusern. Aufwühlend! Ja, es ist für mich sehr spannend in Wschowa zu sein. Hier lernten Großmutter und ihre Töchter das Einmaleins und schrieben auf schwarzen Schiefertafeln die
ersten Buchstaben. Und heute sehe ich überall üppige Blumenrabatten.
Ich bin unsagbar glücklich, dass ich endlich hierher gefahren bin. In meinem Feuereifer rede ich aufgelöst auf meinen Mann ein, bis ich merke, dass sich die
polnischen Leute nach mir umdrehen - immer wieder. Gäste aus Deutschland sind für die kleine Stadt, mit knapp zehntausend Einwohnern nichts alltägliches, begreife ich, und lächle die Leute dankbar an. Dankbar, dass
ich hier bei ihnen sein darf.
Im Kulturdom treffe ich einen Mann, der ein wenig deutsch spricht und sofort seine Mutter anruft, die – wie er sagt - ausgezeichnet Deutsch redet. Doch sie ist
nicht zu Hause. Aber ich freue mich sehr über seine kleinen Deutsch-Kenntnisse und bekomme ein Prospekt von Wschowa geschenkt. Soviel Gastfreundschaft – wenn das meine Oma erlebt hätte! „Kommen Sie morgen zum
Kaffee“, rief er mir noch nach. „Oh danke, das ist lieb!“
Während meine Großmutter für ihre Töchter gut sorgte, sie in Fraustadt fürs Leben lernten, legten alliierte Bomber die ersten deutschen Städte in Schutt und
Asche. 1944 begann für die Menschen in Ostpreußen die erste Flucht. Dort mussten sie ihre Höfe verlassen. In Schlesien ging es zu dieser Zeit noch ruhiger zu. Erst im Frühjahr, als Deutschland kapitulierte, zog der
Pole nach Schlesien ein. Dann begann für die deutschen Schlesier die grausame Vertreibung aus ihrer Heimat. Meine Großmutter hatte sicher längst gewusst, es würde ein Abschied sein für immer. Bestimmt hatten damals
Millionen Flüchtlinge gehofft, es würde eine Heimkehr geben, doch es kam nie dazu. Nicht nach diesem verlorenen Krieg!
Oma behielt recht, sie musste in der Fremde ein neues Leben beginnen. In Torgau an der Elbe, wo sich Russen und Amerikaner am 25. April 1945 schworen: „Nie
wieder Krieg“, ging es für sie und ihre Mädels ab sofort ums Überleben. Doch wurde Torgau auch ihre neue Heimat? Niederschlesien für Deutsche gibt es nicht mehr. Hier fanden die Polen ein Zuhause. Mittlerweile lebt
schon die vierte Generation in diesem Gebiet. Sie kennen nur das. Für sie ist es jetzt Heimat.
Ehemaligen Vertriebenen, ihren Kindern und Enkeln blieb der Weg in diese alte Heimat versperrt. Bis Anfang der 90er Jahre. Dann lebte der Heimweh-Tourismus
auf! Aber meine Großmutter konnte diese Reise nicht mehr antreten. Sie war schon gestorben.
Heute nach sechs Jahrzehnten Flucht und Vertreibung wüsste ich gern mehr über ihr Leben in Fraustadt, was es hieß, nur mit dem Nötigsten das geliebte Zuhause
zu verlassen. Und ob sie im Alter nicht doch die Sehnsucht geplagt hatte nach diesem herrlichen Land, das ein Naturparadies ist und wo der Himmel so weit in die Wälder hinein ragt.
Ich ärgere mich, dass ich sie nie danach gefragt habe.
Rosemarie C. Barth, Magdeburg im September 2004
veröffentlicht hier am 15.September 2004
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